Mut tut gut

Mut steht an erster Stelle des eigenverantwortlichen Handelns. Und Mut steht auch an letzter Stelle. Ohne Mut bewegt sich nichts. Und Stillstand verhindert Freiheit. Die Haupterkenntnis meines ersten BudenJahres ist mir nicht einfach so zugefallen. Ich habe sie mir mit viel Überwindung erarbeitet.

Die Ladeluke in unserer alten Tischlerei war schon immer eine Herausforderung für mich. Um ArbeitsMaterial in die Werkstatt zu befördern, war es unumgänglich die große Pforte im 3. Obergeschoss zu öffnen. Die Öffnung war nur durch eine schwere MetallKette gesichert und auch diese musste ausgehakt werden, wenn der Kran die gewaltigen, schweren HolzPlatten hereinholte.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ich dabei war, die Coworking-Idee zu realisieren, hatte mein Vater mir als Kind nie erlaubt, an der ungesicherten Öffnung zu stehen. Natürlich nicht! Aber nun machte ich als erwachsene Frau während der Renovierungsarbeiten das erste Mal die Erfahrung wie es ist, am Abgrund zu stehen.

Mein Vater konnte in dieser Zeit nicht immer anwesend sein. Und eines Tages stand ich vor der Wahl: auf ihn zu warten, damit er dann den Kran selbst bedienen könnte. Ich hätte dann solange kein Werkzeug im 3. Stock gehabt. Das hätte Leerlauf und Verzögerung bedeutet. Wir wären nicht so richtig vorangekommen. Und wir wollten doch unseren Zeitplan einhalten. Nun gut. Man hätte auch die schweren Werkzeugkisten alle einzeln über die Treppe nach oben tragen können. Puh! Was für eine Schlepperei! Welch Kraftaufwand! Und unsere Kraft wurde an anderer Stelle gebraucht. Oder … ein Gedanke formte sich: oder ich könnte anfangen, Verantwortung zu übernehmen und es selbst machen. Den Kran an der offenen Ladeluke selbst bedienen. Ich hatte es oft genug beobachtet. Ich wusste, wie die Technik funktionierte.

Wahrscheinlich könnt ihr euch vorstellen, wie mir zumute war, als ich die große Flügeltür in luftiger Höhe öffnete und den Kran mit Hilfe des Steuerungsboard laut rumpelnd nach draußen rollen ließ. Ich stand mit den Zehenspitzen an der MauerKante, hielt mich an einem dünnen Metallbügel an der Seite notdürftig fest, beugte mich vor und beobachtete, wie die erste Kiste mit Werkzeug am Haken langsam und schwankend an den Fenstern der unteren Stockwerke vorbei nach oben gezogen wurde. Meine Sinne waren in jede Richtung geschärft, ich wollte nicht von einem Windstoß aus der Balance gebracht werden. Volle Konzentration. Vieles im Leben lernt man nach dem Trial-and-Error-Prinzip. An der offenen Ladeluke einen Fehler zu machen, könnte sehr fatal sein.

Das Werkzeug kam oben an, ich holte es in den Raum, hakte die Sicherheitskette wieder ein, atmete einmal tief durch und schaute noch mal nach draußen. Meine Zehenspitzen standen immer noch an der Kante zum Abgrund, aber mich überkam in der Erleichterung das Gefühl, dass mir die ganze Welt zu Füßen lag. Zu sehen war nur ein hässlicher asphaltierter Parkplatz im Hinterhof. Zu fühlen war der Stolz über die Überwindung, die mir in den nächsten Monaten die eigenverantwortliche Gestaltung meines Lebens ermöglichen sollte.

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